Venedig Markusplatz Touristenmassen

Venedig oder einfach nur die „kaputteste“ Stadt der Welt?

Venedig oder einfach nur die „kaputteste“ Stadt der Welt?

Der Markusplatz in Venedig. Der „schönste Festsaal Europas“, wie Napoleon ihn nannte, wird von Touristen, Fotografen und Tauben bevölkert. Die Tauben darf man nicht füttern, damit es nicht mehr werden. Dass viel zu viele Menschen auf dem Platz herumirren, scheint kein Problem zu sein. Oder etwa doch?

Als ich das Foto vom Markusplatz (italienisch Piazza San Marco) nach dem Gardasee-Urlaub auf dem hellen 27-Zoll Bildschirm betrachtete, war ich auf der einen Seite von der durch den manuellen Modus der Kamera erzeugten Atmosphäre und Spannung beeindruckt (es war eher ein Zufallsschuss), auf der anderen Seite wurde ich nachdenklich. Dieses eine Foto schaffte es, den Eindruck zu vermitteln, den ich in den Stunden meines Aufenthalts von der Stadt erhalten hatte. Lärm, Hitze, Gestank, Menschenmassen und Selfiesticks. Ein Bildfehler hat das unten sichtbare Foto erzeugt, bei dem die Menschen hervorgehoben werden und einen Kontrast bilden.

Markus Platz Venedig

Ich war eigentlich nur aus einem Grund nach Venedig gekommen: Ich wollte das Guggenheim-Museum besuchen, in dem die Sammlung von Peggy Guggenheim mit Werken von Künstlern wie Jackson Pollock, Francis Bacon oder Pablo Picasso zu sehen ist. Als Jackson Pollock „Fan“ wollte ich seine ersten abstrakten Arbeiten sehen und nur aus diesem Grund hatte ich die Menschenmassen in Kauf genommen. Dieses Ziel habe ich auch erreicht, aber schon auf dem Weg zu diesem besonderen Ort wurde mir bewusst, wie kaputt Venedig ist ist und dass wir es sind, die die Stadt zerstören. Mit kaputt meine ich nicht die alters- und witterungsbedingten Schäden an den Häuserwänden, die gerade den Scharm der Gebäude ausmachen. Mit kaputt meine ich die Touristenmassen, die sich durch die Gassen zwängen und die gefühlt an jeder Ecke mit dem Selfiestick einen weiteren Beweis dafür erzeugen, dass sie in der berühmten Stadt waren. Tritt man aus dem Bahnhof der kleinen Stadt, die übrigens aktuell nur knapp 55.000 Einwohner hat, weil alle fliehen, dafür aber mehr als 30 Millionen Besucher pro Jahr, werden einem gefühlt pausenlos und an jeder Ecke Selfiesticks angeboten. Das Werkzeug, mit dem die Beweisfotos erstellt werden können, um über die sozialen Medien den Erfolg des „Ich war in Venedig-Projekts“ zu übermitteln.

Dazu muss man sagen, dass die zwei schönen jungen Damen, die ich in Aktion abgelichtet habe, wirklich glücklich und entspannt wirken. Sie gehören scheinbar zu den Besuchern, die sich wirklich an der Stadt und ihren kulturellen Werten erfreuen.

Vor einigen Tag sah ich einen Bericht auf Arte, in dem die Situation der Stadt noch extremer dargestellt wurde. Nicht die Menschenmassen sind das große Problem – es sind die hochhausgroßen Kreuzfahrtschiffe, die direkt an der Stadt vorbeifahren, um zum Kreuzfahrtterminal zu gelangen und durch ihre Wellen, die Lagunenstadt und ihre Fundamente enorm unterspülen. 80.000 Individual- und Kreuzfahrttouristen quetschen sich täglich durch Venedig.

Aber irgendwie bin ich ja auch einer der Übeltäter. Für einen Tag nach Venedig wegen ein Paar Bildern? Aber: Wie groß ist der Anteil der Menschen, die tatsächlich aus kulturorientiertem Interesse Venedig besuchen? Ich war aus kulturorientiertem Interesse da und wollte in der Näher der Bilder von Jackson Pollock sein. Der Ausflug der beiden Damen und mein Ausflug zusammen mit meiner Frau wurde von der Masse an Touristen erstickt. Jegliche Romantik wurde durch Lärm, Dreck, Ignoranz und Gehetze erstickt. Das Guggenheim-Museum könnte ein Zufluchtsortsein – denkt man. Schließlich ist es nur Kunst. Aber! Wir haben die Rechnung ohne Picasso gemacht.

Im Guggenheim-Museum wandle ich aufgeregt durch die Räume. Miró, Max Ernst, Paul Klee – und dann: Der Raum mit den Werken von Jackson Pollock. Mein Herz fängt an zu schlagen. Ich muss mich auf eins der Sofas setzen und betrachte „The Moon Woman“ und „Enchanted Forest“. Großartig! Ich versuche den Moment zu genießen und stelle mir vor, wie Pollock die flüssige Farbe per „Dripping“ und unter Einsatz seines Körpers auf die auf dem Boden liegende Leinwand aufträgt. Ich verfolge die Spuren und Strukturen, suche Flächen, wo sich die Farbe gesammelt hat und verweile mit dem Auge auf seiner Signatur, die er mit dem Pinsel geschrieben hat.

Jackson Pollock Signatur

Plötzlich klingelt ein Handy und ein eindeutig gelangweilter Mann fängt an laut zu telefonieren. Daneben eine junge Dame, die auf ihrem Handy spielt und parallel Nachrichten schreibt. Ein ältere US-Amerikaner, wie unschwer zu überhören war, sagt zu einem jungen Museums-Guide, der ihn im Museum herumführt: „I know that stuff. We did this in kindergarten.“ Dass Jackson Pollock der lange ersehnte amerikanische abstrakte Expressionist war und endlich ein Pendant zu Picasso, Kandinsky oder Braque, scheint der Herr zu ignorieren. Der junge Guide hätte es ihm gerne noch mitgeteilt.

Warum seid ihr alle hier? Wenn es euch nicht wirklich interessiert, dann geht in eine der gefühlt 100.000 Pizzerien oder geht an den Strand. Ach ja – es sind die Picassos und die Kandinskys, die euch magisch anziehen. Die kennt man ja und die muss man mal gesehen haben (30 Sekunden reichen aus für den Besucher). Aus dem Grund lauft ihr auch ignorant an Francis Bacons „Study for Chimpanzee“ vorbei, das einsam in der Ecke hängt. Ein junger Mann mit Adidas-Shirt und Hose plus geschulterter Hüfttasche im Louis Vuitton-Look und Adiletten läuft genervt und gelangweilt mehrmals an mir vorbei. Flucht in die aktuelle Ausstellung von Mark Tobey. Endlich Stille und Leere. Er ist kein Magnet für die Masse, sodass man sich in Ruhe mit den Arbeiten beschäftigen kann. Plötzlich wieder Mister Adidas-Adiletten-Louis-Vuitton. „Was willst du Bumsbirne hier?“ denke ich mir sofort. Und sofort folgt die Auflösung des Rätsels: Es ist seine Freundin (oder Frau), die ihn ins Museum geschleppt hat. Warum hat sie ihn nicht in der Pizzaria abgesetzt? Schon eine Bumsbirne weniger an diesem besonderen Ort, für den ich diese Strapazen auf mich genommen habe.

Aber, ich bin nicht besser als Mister Adidas-Adiletten-Louis-Vuitton. Nur für einen Tag sind wir nach Venedig gekommen und genau wie alle anderen Touristen drängeln wir uns durch die Gassen, um nach unserem Museumsbesuch dann doch noch den Markusplatz zu besuchen. Diesen einen Ort, der wie die IKEA-Kleinkramhalle unsere Nerven auf die Probe stellt. Und erst das eine Foto macht mir deutlich, wie schlimm wir Menschen uns gegenüber Kultur verhalten. Damit Orte wie Venedig weiterbestehen, könnte schon ein kleines Nachdenken von unserer Seite helfen. Muss ich wirklich da hin, und muss es im Sommer sein? Und macht es nicht Sinn, sich zwei drei Tage Zeit zu nehmen, um den kulturellen Wert der Stadt zu erleben? Mehr Ruhe, weniger Müll und Achtsamkeit würden der Stadt schon helfen.

Venedig oder einfach nur die „kaputteste“ Stadt der Welt?
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